Die Reise nach Jerusalem

Die Deutsche Lufthansa krempelt die Arbeitsplätze in ihrer Zentrale um. Rund 2000 Mitarbeiter haben künftig keinen festen Arbeitsplatz mehr….Die Mitarbeiter verlieren ihre festen Arbeitsplätze, müssen sich künftig jeden Morgen einen freien Schreibtisch im gläsernen Lufthansa Aviation Center (LAC) suchen. …Dahinter steht die in Startups vorgelebte Hoffnung, über flexiblere Arbeitsabläufe mehr Kreativität in den Köpfen zu wecken.“ Ausführlicher Bericht auf N-TV

Selbst mal als Assistenz für den Vorstand eines großen Unternehmens gearbeitet, habe ich mich schon immmer gefragt, warum Konzerne um Jahre versetzt Trends aufgreifen, von denen schon seit längerem bekannt ist, dass sie sich nicht bewährt haben? Jetzt ist also die Lufthansa der Meinung man könne Geld sparen, indem die Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz die Reise nach Jerusalem spielen.

Ein durchaus lustiges Spiel aus den Kindertagen, welches aber in Unternehmen zu großen Schäden führen kann. Kosten die man im Bereich der Raumaussattung spart, können sich schnell bei Ausgaben im Gesundheitsbereich und hohen Kündigungszahlen bemerkbar machen.

Es ist gut und richtig, dass nicht für jeden Mitarbeiter ein separater Arbeitsplatz vorhanden sein muss. In Zeiten von Teilzeitarbeit, Jobsharing und Homeoffice kann sicherlich der eine oder andere Platz real eingespart und somit die Kosten bei den Immobilien und der Ausstattung gespart werden.

Kritisch sehe ich hingegen die völlige freie Vergabe von Arbeitsplätzen ohne Bezug zu einer festen Arbeitsgruppe / Abteilung. Das Modell welches einst in Japan gelebt wurde – Nummer ziehen und mit seinem pesönlichen Container dann an dem Tag in irgendeinem Raum auf irgendeinem Stockwerk in einem Hochaus zu arbeiten, hat sich nicht bewährt. Das mag die menschliche Seele nicht. Wir sind Gesellschaftstiere und wollen zu einer Gruppe gehören. Diese Gruppe sorgt u.a. auch dafür, dass wir eine Resilienz aufbauen können. Stärkt uns den Rücken. Hilft uns bei Problemen im Job. Baut Stress ab.

Wir brauchen zumindest einen festen Raum mit einem festen Kern von Mitarbeitern, denen wir immer wieder begegnen (Bezugsrahmen). Man muss wissen wem man begegnet, mit wem man sich austauschen kann – nicht nur beruflich. Wir verbingen einen großen Teil unserer Zeit mit und auf der Arbeit und brauchen ein soziales Umfeld das uns trägt. Nicht umsonst sind die Kündigungsquoten in den Unternehmen am geringsten in denen es einen guten Zusammenhalt unter den Mitarbeitern gibt – diese eine Familie bilden. Den Arbeitsplatz wechseln, die Sichtweise verändern fördert Kreativität, hilft Kontakte zu anderen Mitarbeitern zu knüpfen und auszubauen.  In einem festen Rahmen (Raum/Stockwerk) sicherlich kein Problem (so lange die Technik etc. funktioniert und darauf eingestellt ist) Ohne ein festes Netzwerk von Kollegen die wir auch real auf kurzem Weg kontaktieren können, sind psychische Erkrankungen schon so gut wie vorprogrammiert. Das zeigen Erfahrungen aus anderen Unternehmen.

Von den sozialen Bedürfnissen nach Kontakten abgesehen, gibt es aber noch das Problem des Statussymbols. Für viele Mitarbeiter ist das eigene Büro, eine bestimmte Ausstattung auch mit einem gewissen Status verbunden, der nun von jetzt auf gleich aufgelöst wird. Hier ist mit Fingerspitzengefühl vorzugehen. In vielen Unternehmen wurden Statussymbole wie eigenes Büro, toller Schreibtisch, Klimaanlage, eigene Leselampe bewußt eingesetzt um Mitarbeiter zu motivieren. Was passiert, wenn sich die Geisteshaltung um 180 Grad dreht und Status auf einmal nicht mehr relevant ist? Für die jüngere Generation sicherlich kein Problem, da hier oft andere Werte vorherrschen, aber was mache ich mit den alten verdienten Hasen? Wie nehmen diese die Behandlung wahr?

Und warum behalten die Manager  ihre Büros? Währe es nicht konsequent, dass auch die Manager mehr Kontakt zur Basis bekommen und sich gleichfalls ein Büro teilen? Das würde sicherlich das eine oder andere AHA-Erlebnis verursachen.

Ein weiteres Problem ist die Anpassung der mobilen Arbeitsplätze an den Menschen. Schreit die Fachkraft für Arbeitssicherheit jetzt schon bei der Begehung der festen Arbeitsplätze auf, wenn sie sieht wie die Tische, Monitore und Stühle eingestellt sind – muss hier eine intensive Schulung der Mitarbeiter und sensibilisierung erfolgen. Jeder der sich schon heute einen Arbeitsplatz teilt kennt die Probleme, wenn die Kollegin nur 1,60m groß ist und man morgens mit den Knien gegen die niedrige Tischplatte stößt. Oder der Linkshänder Maus und Co umstellt und man morgens erst mal den Arbeitsplatz neu sortieren muss.
Was, wenn die Firma in teure Stühle für die Mitarbeiter investiert hat und jeder den für sich passenden Stuhl besitzt? Eine Person mit einer Größe von 2,10m und 130 kg Gewicht benötigt einen anderen Stuhl als eine zierliche Person mit 1,60m und 40 kg Gewicht. Rollen dann morgens auch die Stühle munter durchs Büro?
Das sind Kleinigkeiten, die sicher lösbar sind, aber Teil der täglichen Realität werden. Manche Mitarbeiter sind genervt, weil der Kollege den Tisch nicht wieder hoch gestellt oder aufgeäumt hat. Wie viele Konflikte schaffe ich mit der neuen Arbeitswelt, die viel Zeit und Kraft kosten können und somit auch Geld?

Und dann wären da noch die Abstimmung der Belegung der Arbeitsplätze (was passiert, wenn alle Vertriebsmitarbeiter auf einmal da sind? Eine einschlägige Unternehmensberatung mit dem großen M kann da ein Lied von singen) kann die Technik die neue Mobilität leisten und was ist mit dem Datenschutz?

Ich möchte die neue Mobilität nicht schlecht reden, ganz im Gegenteil. Ich bin ein Verfechter von neuen Arbeitsmodellen in jeder Form und permanenter Bewegung, aber man darf nie vergessen, dass es der Mensch ist, der die Arbeit erbringt und man einen Menschen nicht wie eine Maschine behandeln kann und auch nicht jeder Mensch gleich ist. Was dem einen entgegen kommt (Homeoffice, Arbeiten auf der Terrasse, Arbeiten wann man es mag…) ist für den anderen eine Qual. Es gibt nicht das Modell, welches für alle passt, darum sollte man schauen, ob man mehrere Modelle parallel anbieten kann, so dass jeder Mitarbeiter das wählen kann, welches gerade zu seiner Lebens- und Jobsituation passt.

 

 

 

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